Es ist ein Meilenstein, der die Langlebigkeit und Erneuerungsfähigkeit dieser Gruppe über mehrere Generationen hinweg unterstreicht. Dieses Jubiläum zeugt davon, wie die gemeinsame Leidenschaft für den Chorgesang der Zeit standhalten und eine musikalische und soziale Tradition am Leben erhalten kann.
Seit der Antike wurde Chormusik als Ausdruck der Gefühle, der Solidarität, der Ideale, des Glaubens und der Vaterlandsliebe eines Volkes verstanden. Aus diesem Grund wurde ihr eine religiös-politische Funktion zugeschrieben. Ägypter, Assyrer, Juden, Griechen und Römer feierten grosse nationale und religiöse Feste nicht nur mit Spielen und Tänzen, sondern auch mit gemeinsamen Gesängen. Die Neigung zum Chorgesang ist umso stärker verwurzelt in den Völkern, in denen der religiöse Glaube, die Liebe zum eigenen Land und die Verbundenheit mit den Traditionen am tiefsten sind.
Die Evolution und der Modernismus – und hier könnte man noch tausend Worte verlieren – haben nicht wenige Kulturen und Werte erheblich geschwächt, zum Nachteil einer Lebensweise, die immer ärmer an soziologischen Inhalten und Bräuchen ist. Aber auch die zunehmende Anonymität, der Individualismus und die Hektik des Alltags sind für die Geselligkeit, die Traditionen und die Lebensfreude nicht gerade förderlich.
Trotz dieser Tendenz gibt es noch immer kulturelle Ausdrucksformen, die dank des bewundernswerten Beitrags von Vereinen, Gruppen, aber auch von Einzelpersonen, die sich Tag für Tag mit sehr bescheidenen Mitteln dafür einsetzen, unsere Traditionen am Leben zu erhalten. Eine dieser Rollen in diesem Zusammenhang spielt seit 80 Jahren die «Corale Pro Ticino di San Gallo». Sie leistet eine Arbeit von grösster Wichtigkeit: die Sensibilisierung der St. Galler Bevölkerung für die Präsenz der Tessiner Gemeinschaft als Trägerin von Kultur, Traditionen und Werten. Die bevorstehenden Konzerte «Via per il mondo – in die Welt hinaus» werden sicherlich das Interesse und die Sympathie des Publikums wecken. Diese Aufführungen tragen dazu bei, die Tessiner mit all ihren kulturellen Werten, die seit fast 110 Jahren in der Aebtestadt St. Gallen und Umgebung verwurzelt sind, bekannt zu machen oder wieder ins Bewusstsein zu rücken.
An dieser Stelle möchte ich mich bei den Dirigenten und Coralini bedanken, die auch schon vor Maestro Claudio Ambrosi tätig waren und mit Kompetenz und Engagement eine Arbeit von grosser Bedeutung geleistet haben. Ich danke Claudio Ambrosi von ganzem Herzen für seinen unermüdlichen Innovationsgeist, mit dem er sein Repertoire an die soziokulturellen Veränderungen und die Interessen eines immer kritischeren und anspruchsvolleren Publikums angepasst hat. Abschliessend möchte ich es nicht unterlassen, dem Vorstand und meinem Kollegen, dem Präsidenten Gianni Looser, herzlich für die offene Zusammenarbeit mit der Muttersektion zu danken. Euch allen, liebe Sängerinnen und Sänger der «Corale Pro Ticino di San Gallo», spreche ich meine besten Wünsche für eine erfolgreiche und glanzvolle Zukunft aus.
Gruss der Muttersektion Pro Ticino di San Gallo
Franco Fontana, Präsident